Die letzte Reise der SS Ethie (Teil 1)

Bei der Landspitze Martin’s Point, die zum Gros Morne National Park in Neufundland gehört, liegt ein Schiffswrack, das über hundert Jahre alt ist: die SS Ethie. Viel ist von dem alten Schiff allerdings nicht mehr zu sehen, denn Wind und Meer haben nur noch wenige Teile übriggelassen. Die liegen nun halb im Wasser, halb auf dem steinigen Strand und rosten weiter vor sich hin.

Wie es zu dem Schiffsunglück gekommen ist, davon erzählt die folgende Geschichte:

Einen solchen Sturm hatte Kapitän Edward English noch nicht erlebt. Der Himmel war pechschwarz geworden, der Mond und sämtliche Sterne blieben hinter einer dicken Wolkendecke verborgen. Der Wind heulte und tobte um das Schiff, als wollte er seine Wut ganz und gar an diesem kleinen Küstendampfer auslassen. Dichtes Schneegestöber erfüllte die Luft, die Sicht war gleich null. Wer hätte ahnen können, dass der Wintersturm eine solche Heftigkeit entfalten würde? Auf dem wettergegerbten Gesicht des Kapitäns erschienen tiefe Sorgenfalten. „Wenn das mal gutgeht“, murmelte er.

Am 3. Dezember 1919 war die SS Ethie bei blauem Himmel und ruhiger See in Humbermouth aufgebrochen, einem kleinen Ort, der an der Westküste Neufundlands liegt und heute zu der Stadt Corner Brook gehört. Stetig tuckerte das Dampfschiff Richtung Norden. An den Häfen unterwegs lieferte es Kisten und Fässer, Pakete und Postsäcke ab und nahm neue Fracht auf. Passagiere gingen von Bord, andere stiegen zu. Battle Harbour an der Südostküste von Labrador war die nördlichste Station. Hier kehrte der Dampfer um und trat den Rückweg nach Süden an.

Es würde seine letzte Fahrt vor der Winterpause sein. Viele der 72 Passagiere wollten Verwandte besuchen, um mit ihnen die Weihnachtstage zu verbringen. So auch Elizabeth Patten. Die junge Frau war schwanger und reiste mit Hilda, ihrer kleinen Tochter, nach Norris Point, wo ihre Mutter lebte. Hilda war erst achtzehn Monate alt. Vergnügt wackelte sie über die Schiffsplanken, plumpste hin, wenn das Schiff schwankte, und stand gleich wieder auf, um eilig weiterzulaufen.

Als die SS Ethie am frühen Abend des 10. Dezember am Pier von Cow Head festmachte, kam ein böiger Wind auf. Als sie zwei Stunden später wieder ablegte, wich das Blau des Himmels einem unheilverkündenden Grau, und das Wetter wurde stürmisch. Doch kaum jemand dachte sich etwas dabei, Wind und Sturm gehörten zum Alltag. „Bisschen frisch heute“, sagten die Leute nur.

Im Laufe der Nacht aber steigerte sich der Wind zu einem Orkan und der Schneefall zu einem Blizzard, der alles und jeden in ein gespenstisches Weiß hüllte. Mühsam versuchte der Steuermann, die SS Ethie zwischen den haushohen Wellen auf Kurs zu halten. Schwere Brecher kamen herangerollt und stürzten über Deck und Aufbauten. Das eisige Wasser drang in jeden Spalt und jede Luke. Die Mannschaft hatte alle Hände voll damit zu tun, es eimerweise wieder hinauszubefördern. Bald war das Schiff von einer dicken Eiskruste überzogen.

Keiner der Passagiere tat in diesen Stunden ein Auge zu, außer Hilda, die neben ihrer Mutter in einer Koje lag und friedlich schlief. Elizabeth, mit vor Angst klopfendem Herzen, hielt das kleine Mädchen mit beiden Armen fest, damit es nicht aus dem Bett fiel.


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Der Sturm drückte den Dampfer immer wieder in Richtung Küste, wo gefährliche Klippen und Felsenriffe lauerten. Wie besessen schaufelten die Schiffsheizer Kohle, um das Schiff unter Dampf zu halten. Ohne Antrieb würde es den Launen von Wind und Meer hilflos ausgesetzt sein, dem Untergang geweiht.

Der Sturm flaute nicht einmal bei Tagesanbruch ab. Ja, es schien sogar, als würde das graue Morgenlicht ihn nur noch mehr anstacheln. Kapitän English wusste, es war Zeit für eine Entscheidung. Die Vorräte in den Kohlebunkern des Dampfers gingen rapide zur Neige, bald würde die letzte Schaufel Kohle im Feuer landen. Und die Rettungsboote hingen nutzlos in ihrer Verankerung, die Wucht der Wellen hatte sie zerstört.

Der Kapitän rief seine Offiziere zu sich. „Das Schiff wird uns nicht mehr lange tragen“, sagte er. „Jetzt gilt es, unser aller Leben zu retten. Wir müssen versuchen, die SS Ethie an einem Strand aufzusetzen.“

Zusammen beugten sie sich über die Seekarten. Schließlich zeigte English auf einen Punkt an der Küste. „Bei Martin’s Point hätten wir eine Chance.“ Er gab Anweisung, alle Menschen an Bord mit Rettungsgürteln auszustatten.

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