American Gothic – ein Bild und seine Geschichte

Grant Wood, "American Gothic", Art Institute of Chicago

Grant Wood, „American Gothic“, Art Institute of Chicago

Im August 1930 fuhr der Maler Grant Wood durch das ländliche Iowa. Er hatte kein bestimmtes Ziel, denn er war auf der Suche nach Inspiration. Als er durch Eldon kam, ein Dorf am Des Moines River, fiel ihm ein kleines weißes Farmhaus auf, ein einfaches Holzhaus, nicht anders als tausende andere auch. Doch es wies eine Besonderheit auf: Auf der Giebelseite im ersten Stock war ein großes Spitzbogenfenster eingebaut, und damit erinnerte das kleine Haus an einen Kirchenbau.

Dieser Architekturstil wird „Carpenter Gothic“ genannt, Zimmermannsgotik. Es war in Nordamerika eine Zeitlang üblich, Häuser mit Elementen der Neugotik zu versehen. Grant Wood hatte den Eindruck, das Bauernhaus in Eldon wolle mit seinem gotischen Fenster angeben, und fand den Anblick absurd – und gerade deshalb so interessant. Da war sie, die Inspiration!

Nachdem er die Besitzer um Erlaubnis gebeten hatte, kam er am nächsten Tag wieder, um eine erste Skizze von dem Haus anzufertigen. Dabei zog er die ursprünglichen Proportionen ein wenig in die Länge. Das Dach wurde steiler, das gotische Fenster länger. Dann stellte er sich vor, was für Menschen in einem solchen Haus wohnen würden, und als er wieder zu Hause in seinem Atelier saß, malte er einen Vater mit seiner erwachsenen Tochter in den Vordergrund des Bildes. Seine Schwester Nan saß Modell für die Tochter, der Zahnarzt der Familie Wood stellte den Vater dar. Grant Wood malte auch die Gesichter dieser beiden länger, und dem Mann gab er noch eine Mistgabel in die Hand.

Er nannte sein Bild „American Gothic“, und als es fertig war, reichte er es bei einem Wettbewerb des Art Institute of Chicago ein. Das brauchte ihm ein Preisgeld von 300 Dollar ein und, was noch besser war, das Museum kaufte das Gemälde an. Seitdem ist es ein Teil der umfangreichen Sammlung.

„American Gothic“ avancierte zu einem der bekanntesten Bilder der amerikanischen Kunstgeschichte. Das Paar vor dem Farmhaus, verhärmt und müde wirkend, mit strengen, ernsten Gesichtern, symbolisiert das Leben von Pionieren im ländlichen Amerika, wie es in früheren Zeiten einmal war. Diese Menschen, so stellt man sich vor, kennen nur Arbeit und kein Vergnügen.

Heute kommen viele Besucher allein deshalb ins Art Institute of Chicago, das altehrwürdige Kunstmuseum der Stadt, um genau dieses Bild einmal im Original zu sehen.