Killick-Claw gibt es wirklich

Wer war schon einmal in Killick-Claw auf Neufundland? Sicherlich niemand, denn das Städtchen mit dem eigenwilligen Namen ist auf der Landkarte nicht zu finden. Vielmehr handelt es sich um den fiktiven Schauplatz eines bekannten Romans: The Shipping News, auf Deutsch Schiffsmeldungen. Das Buch erschien 1993 und stammt aus der Feder der amerikanischen Autorin E. Annie Proulx, die dafür den renommierten Pulitzer-Preis erhielt.

Der Roman wurde 2001 unter der Regie von Lasse Hallström verfilmt, und zwar in der Umgebung von Trinity, einem winzigen Ort im Osten Neufundlands. Die Film-Crew war beeindruckt von der Gastfreundschaft der Inselbewohner. Die Leute behandelten alle gleichermaßen freundlich, ganz gleich, ob es sich um einen einfachen Techniker oder einen Hollywood-Star handelte. Schauspieler Kevin Spacey, der in Schiffsmeldungen die Hauptrolle spielte, rückte mit mehreren Bodyguards an, um dann festzustellen, dass er sie nicht brauchte. Auf Neufundland interessierte sich niemand für ihn.

Doch zurück zu Killick-Claw. Wenn es das Küstenstädtchen tatsächlich gäbe, dann würde es ganz im Nordwesten Neufundlands liegen, dort, wo die Insel einen langen Finger nach Norden in Richtung der Küste Labradors streckt. Und irgendwo oben an der Fingerspitze entspinnt sich das Leben der schrulligen Charaktere, die Proulx für ihren Roman entworfen hat.

Ein Killick ist so einfach wie genial

Killick im Johnson Geo Centre, St. John's, Neufundland

Killick im Johnson Geo Centre, St. John’s

Und doch hat sich die Autorin den Namen für ihren Schauplatz nicht einfach ausgedacht, sondern ihn aus einem anderen Zusammenhang entliehen. Denn ein „killick“ ist ein Bootsanker, der aus dem Material besteht, das an den Küsten herumliegt: Holz und Steine. Zwei dicke, grob angespitzte und leicht nach oben gebogene Hölzer werden in Kreuzform zusammengefügt, daran sind ähnlich wie Zeltstangen vier dünne, biegsame Äste befestigt, die man oben fest zusammenbindet.

In dem Geviert der Äste ist als Gewicht ein dicker ovaler Stein eingeschlossen, von Seilen umwickelt, damit er nicht herausfällt. Fertig ist der Anker, der Killick. Und das Holzkreuz bildet die „claws“, vier Krallen, die sich beim Ankern in den Meeresboden graben. Jahrhundertelang haben die Fischer auf Neufundland und in vielen anderen Küstenregionen solche Killicks verwendet.

Und vielleicht ist es das, was E. Annie Proulx sich vorgestellt hat: dass die Gemeinschaft von Killick-Claw den Menschen einen Anker bietet. Den können sie in der oft gnadenlosen Natur von Neufundland gut gebrauchen.

Weitere Geschichten über Neufundland können Sie in diesem Buch lesen: Das Kanada-Lesebuch – der Osten: Impressionen und Rezepte aus dem Land der Leuchttürme.